Texte

Udo Ropohl

Juli 2017
Zu meinen Arbeiten:

In meinen Fotoarbeiten, Grafiken und Montagen setze ich mich mit alltäglichen, banalen, nichtigen Dingen und Situationen und mit Bildern aus der Medienwelt auseinander, die sich ebenso auf Banales aber auch Existentielles beziehen können. Ausgangspunkt für die gestalterischen Prozesse sind nicht die Dinge und Situationen selbst, sondern die Fotografien und Reproduktionen, die in einem langen Prozess in neue Bilder und Bildserien übersetzt werden.

Dabei geht es um Kontextverschiebungen und Bedeutungsübertragungen und die Frage, wie sich banale Dinge in einem ungewohnten, fremden Kontext äußern. Da trifft ein rostiger Sitzhocker auf Marcel Duchamps Idee des Flaschentrockner-Readymades, Silhouetten von Coffee to Go – Tabletts werden zu einem Mobile in einem nicht definierbaren Lichtraum transformiert, die Nachzeichnungen von zertrümmerten Flugzeugwracks verwandeln sich in simple Tatort-Grafiken.

Diese Kontextverschiebungen führen zu einer Art positiven Präsenz meiner Imaginationen über das Ungewisse, über Vergänglichkeit, Tod, Katastrophen… – eine künstlerische Strategie, deren Haltung gegenüber dem Ungewissen geprägt ist durch dessen Annahme und Integration. Die Mittel der positiven Präsenz sind in meinem Werk die Darbietung des Gefundenen, die Sicht auf die Ambivalenz der Dinge, der Verzicht auf Deutung, die Verfremdung, das Rätsel, die Ironie, das Paradox (1).

Obwohl Literatur, Kunstgeschichte, Film, Politik wichtige Quellen für meine künstlerische Produktion darstellen, ist meine Arbeitsweise durch eine eher trockene, direkte, oft lakonische Art gekennzeichnet oder wird mit extrabanalen oder rätselhaften Strategien ins Surreale und Symbolistische gesteigert. Dabei sind meine Arbeiten geprägt von einem tiefen Skeptizismus gegenüber den üblichen politischen und medialen Strategien des Pseudokorrekten (2). Oder sie thematisieren den Zweifel gegenüber den banalen, nichtigen Dingen und Medienbildern, die angeblich nicht hinterfragbar sind (3).

Die Schnittpunkte unterschiedlicher Bild- und Ordnungssysteme in meinen Bildern und Bildserien weisen also weit über Fragen des künstlerischen hinaus in das soziale und politische Feld. Es scheint so, dass meine Arbeiten in ihrer romantischen Offenheit gegen den Verlust reflexiver Selbst- und Welterfahrung protestieren wollen.

 

1) Für Reflexionen zu meiner Arbeit bin ich dem vorzüglichen Buch von Sandro Biocola
„Die Erfahrung des Ungewissen in der Kunst der Gegenwart“, Zürich 1987, sehr verpflichtet,
auch wenn ich nicht mit allen Details und Schlussfolgerungen dieser Abhandlung
übereinstimme.
2) Siehe Website: In Reality, Unterwegs, Rhombus, Praise, Desaster
3) Siehe Website: Dinge, Packaging, Rem, Crisis, Carnival, Vanitas, The Blue Flower

 

 

Barbara Straka, aus der Eröffnungsrede zur Ausstellung IN REALITY – Photoarbeiten und Graphik von Udo Ropohl, Kirche Zur Heimat, Berlin-Zehlendorf, 9.11.2015 – 10.1.2016

 

DESASTER 2015

Konzeptionell arbeiten heißt offene Kunstwerke zu gestalten, die dem Betrachter Raum lassen für eigene Interpretation: die von den Werken vermittelten Anstöße aufzunehmen und weiter zu denken. Marcel Duchamp brachte um 1912 in seinen Ready Mades erstmals profane Alltagsgegenstände ins Museum, wodurch sie, mit der Aura des Besonderen aufgeladen, als Kunst wahrnehmbar wurden. Diesen Kunstgriff der Verfremdung durch Kontextverschiebung haben sich viele Künstler des 20. Jahrhunderts zu Eigen gemacht. In diesem Sinne spielen Alltagsgegenstände und scheinbar Unscheinbares bei Udo Ropohl eine wichtige Rolle. Auch die extreme Reduktion von Form und Farbe auf Schatten, Silhouetten und Chiffren steht für die Methodik der Konzeptkunst mit dem Ziel der Evokation eigener Bilder im Auge des Betrachters. Dazu gehört die Bereitschaft zum genauen Sehen, Hinsehen. Erst dann erkennt man aufschlussreiche Details: etwa die dokumentarischen Datums- und Uhrzeitangaben in der Serie DESASTER (2015). Es geht um Flugzeugkatastrophen, die in den letzten Jahren und Wochen durch die Presse gingen und die Weltöffentlichkeit erschütterten. Kaum ein Ereignis ist so mit der Erfahrung von Sinnlosigkeit und Ohnmacht verbunden.
Kann Kunst das Wesen von Wirklichkeit sichtbar machen? Oder ist sie reines Abbild im Sinne von Mimesis, von Nachschöpfung? Kann sie Aufschluss geben über die inneren Zusammenhänge, die „Funktionsmechanismen“ von Wirklichkeit? Welche Rolle spielt hier die Fotografie? Das Internet? Zumindest Bertolt Brecht sprach in seiner Realismustheorie einem einfachen Foto, etwa einer Fabrik der Krupp Werke, diese Fähigkeit ab. Der realistische Künstler müsse vielmehr die Wirklichkeit zunächst aufdecken, um sie im künstlerischen Akt gleichsam wieder entstehen zu lassen. Eine Möglichkeit ist die der Dekonstruktion, Transformation und Rekonstruktion von Wirklichkeit, der sich Künstler heute bedienen.

Bei der DESASTER-Serie wurden die Internet-Bilder bis zur Grenze der Ungegenständlichkeit verfremdet, bis sie nur mehr einer abstrakten Chiffre ähneln, die als autonome Form das ursprüngliche Bild in eine neue, eine künstlerische Wirklichkeit überführt. Udo Ropohl hat auf einem Blatt der Serie diesen mühevollen Vorgang der Transformation beschrieben. Er bezieht sich dabei auf die klassische Technik der „Ekphrasis“ (gr.) oder auch „Descriptio“ (lat.), nur dass hier nicht ein Werk der Bildenden Kunst mit Worten nachvollzogen wird – wie etwa der Pergamonaltar bei Peter Weiss –, sondern eine reale Begebenheit mit den Mitteln der Bildenden Kunst. Dabei teilt der Künstler auch seine eigenen Empfindungen mit: „Ich zeichne und dekonstruiere diese amorphen Formen, um Abstand zu schaffen zu den Kaskaden von reißerisch oder betroffen dargebotenen Schreckensnachrichten oder –bildern in den Medien. Auch dies ist eine Art politische Intervention, da die Manipulationsmacht der Medien thematisiert und in Erinnerung gerufen wird“

VANITAS 2013

Tod und Vergänglichkeit sind alte Themen der Kunst. Das Stillleben, natura morta, dargestellt in Verdorrendem, Verwesendem, in Abfällen von Blumen und Früchten, war beliebtes Genre der niederländischen Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts: wundervolle Arrangements barocker Meister, täuschend echt und wie zum Greifen nahe gemalt. Aber bei genauem Hinsehen entdeckt man hier und da schon den Verfall, eine Larve oder Insekten, die sich an der lebendigen, blühenden Natur zu schaffen machen, sie zerstören, dem Verfall preisgeben. Vanitas: In keinem Motiv der Kunst liegen Leben und Tod so nahe beieinander. In seiner Serie gleichen Titels (VANITAS, 2013) variiert Udo Ropohl das Thema anhand von Blumenstillleben und Interieurs. Wir sehen fragile florale Arrangements, umrisshaft reduziert. Meist sind es Trockenblumen oder Verwelktes, in kugeligen Vasen präsentiert. Erst auf den zweiten Blick erkennt man darin Totenkopfsilhouetten. Einzig plastisch sind imzweiten Motiv kleine Perlen, die eine ursprüngliche Kunstform der Natur symbolisieren. Aber auch sie bergen schon wieder den Tod in sich. Schönheit, Tod, Vergäng-lichkeit – auf Ewigkeit untrennbar ein Ganzes. Digital konstruierte Ebenen überlagern sich, führen von der Zweidimensionalität des Bildes in die Mehrdimensionalität des Raumes, schwarze Formen drängen über den Bildrand ins Hier und Jetzt. Licht fällt links vom Fenster herein und projiziert Schatten auf die Wand wie ein unscharfes Camera Obscura-Bild. Zuletzt verwehen Blätter im hereindringenden Wind. Die vergängliche Form hat sich ins Nichts verflüchtigt. Der Augenblick, vom Künstler im Bild gebannt, gesetzt gegen das Vergehen von Zeit und Existenz: Hier wird die Kunst zu einem Memento, einer Mahnung, die eigene Zeitlichkeit zu bedenken.

Carnival 2013

Viele Themen und Motive von Udo Ropohl haben Bezüge zur Kunstgeschichte, vorwiegend zum Barock und zur Romantik. Einiges wurde schon genannt: Tod und Vergänglichkeit, Memento Mori und Natura Morta, die Ästhetik des Schrecklichen, Faszination für Ruine und Fragment, Natursehnsucht und Empfindsamkeit, aber auch Selbstzweifel und Selbstbefragung des Künstlers. Atmosphärische Bildwerte wie Licht, Schatten, Raumkonzeption und Fenstermotive erinnern an Interieur-Darstellungen wie etwa Vermeers „Mädchen am Fenster“. Vor allem Philipp Otto Runges Scherenschnitte haben Udo Ropohl inspiriert, Selbstbildnisse (ICH BIN GUT) und eine ganze Serie von Rankmotiven mit Pflanzen, Früchten und Blumen zu entwickeln (CARNIVAL, 2013). Aber dabei geht es ihm nicht wie Runge um die ornamental gefasste, „schön“ geordnete Natur, vielmehr verschlingen sich die schwarzen wuchernden Formen zu einem undurchschaubaren Dickicht, das für eine sich selbst überlassene Natur spricht. Diese chaotische Choreografie mit „Karneval“ zu assoziieren, daraus spricht ein gehöriges Quantum Ironie: Denn die Zweige sind leer, die Rispen abgepflückt, die Früchte abgegessen, die Blumen verblüht. Was bleibt? Wir sehen durch Schalenreste und Dornen: Hier und da ist noch ein kleiner Rest übrig für die, die nach uns kommen. Eine zynischere Metapher auf die spätkapitalistische Selbstbedienungsgesellschaft ist wohl kaum vorstellbar, ein deutlicher Appell des Künstlers, die eigene Passivität zu überdenken.

PRAISE 2014

Ironie, die Freiheit des Künstlers hinter dem Schein des Ernstes, ist eine Möglichkeit, aus Melancholie und Lethargie auszubrechen. Das kann und darf auch der Weg des Humors, des Lachens sein, der Distanz verschafft, zunächst einmal Selbstdistanz. Dieser Effekt wird in den Arbeiten von Ropohl meist in der Konfrontation von Bild und Text oder durch die teils ungewöhnlichen, verfremdenden Titel erreicht. Heilsame Ironie entsteht dann, wenn sich etwas Kleines groß macht oder etwas Großes ganz klein wird, weil es der Erwartung oder dem Selbstbild nicht entspricht, wenn der Schein trügt und in sich zusammenfällt.

Ein Beispiel für solch subtile Ironie ist die Serie PRAISE (2014). Tatsächlich entspringt die „Raute“ einer bei Angela Merkel häufig bemerkbaren Handhaltung, über die es inzwischen eine Fülle von Internet-Artikeln und skurrile Fotos gibt. Anfangs rätselte man über diese Geste der Kanzlerin, die im Repertoire kunsthistorisch überlieferter Körpers-prache, etwa bei Madonnen oder Engeln, bisher keine Entsprechung fand. Die Raute ist eine Leerform. Sie entsteht aus dem Zwischenraum der gespreizten Hände. Udo Ropohl will auch hier die Interpretation dem Betrachter überlassen. Es gibt keine „richtige“ Deutung der Raute, nur Fragen: Ist sie eine Art politischer Gebetshaltung? Ausdruck christdemokratischer Symbolpolitik? Bedeutet sie Beschwichtigung, mütterlichen Schutz oder Entschlos-senheit, die Geschicke doch noch zum Guten zu wenden? Angeblich geht es der Kanzlerin um nichts als Körper-spannung und Konzentration, wie sie auf Nachfrage mitteilte (Nikolaus Blome, Angela Merkel – die Zauderkünst-lerin, 2013). Bei Udo Ropohl nimmt die Raute gleich einem „Thema mit Variationen“ in der Musik ein Eigenleben an – mal surreal („rhombus without chancellor“), mal als Spielkarte („make your game“), als Verkaufsschild („buy now“), als Attribut landschaftlicher Idylle oder als ornamentales Muster. Durch Verfremdung und symbolische Übertreibung wird die rätselhafte Geste ad absurdum geführt und letztlich lächerlich – ein ironischer Impuls, sich nicht von vordergründigen Politikergesten ablenken oder täuschen zu lassen.

CRISIS 2015

Es gibt aber auch Arbeiten unter den hier ausgestellten, bei denen sich jede Ironie verbietet. Ich meine vor allem die Serie CRISIS (2015). Udo Ropohl greift damit ein geradezu inkommensurables Thema auf: Crisis – nicht nur die westlichen Gesellschaften sind in einer großen Krise ihrer Werte, ihres Selbstverständnisses, wenn sie solche Vorfälle von Folter und Mord im Namen des Gesetzes und legitimiert durch so genannte „gerechte“ Kriege zulassen. Auch die Kunst mit ihren traditionellen Bildmedien ist in einer Krise des Darstellbaren befangen. Folglich geht es heute darum, mittels Kunst an einer „Darstellung des Nicht-Darstellbaren“ zu arbeiten (Jean-Francois Lyotard). Schatten, Fragmente, Silhouetten reichen aus, um Erinnerung zu stimulieren, denn wir wissen genau, worum es geht. Der mit Stromstößen Gefolterte in Abu Ghraib, Guantanamo, die Soldatin mit dem Gefangenen an der Hundeleine, der getretene Asylant und andere Misshandlungen erinnern uns Deutsche an den Holocaust, und es verwundert nicht, dass wir heute noch über eine besondere Sensibilität für diese Bilder verfügen. Jetzt aber werden die Bilder von damals von anderen verdrängt, die längst zu Ikonen des Leidens in unserem Jahrhundert avanciert sind. Sie verfolgen uns, wo immer wir sind, brennen sich ins kollektive Gedächtnis ein und drängen sich auch dem Künstler auf. Er hat sie in die profane Alltäglichkeit des Privaten übersetzt und wie ein „Menetekel“ als ephemere Erschei-nungen auf Wände, an Zimmerdecken, Lampen, Haushaltsgegenstände gebannt. Wir denken an Platons Höhlengleichnis: Hier ist die Höhle, die Höhle meiner Existenz, mein geschützter Raum, in dem ich sicher, aber auch gefangen bin. Draußen ist die Wirklichkeit, toben Krieg und Katastrophen. Sie reichen inzwischen bis in mein unmittelbares Lebensumfeld hinein, heißt die bedrückende Aussage.

Barbara Straka, aus der Eröffnungsrede zur Ausstellung IN REALITY – Photoarbeiten und Graphik von Udo Ropohl, Kirche Zur Heimat, Berlin-Zehlendorf, 9.11.2015 – 10.1.2016